Bleidenstadt
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Von "Bleidenstädter Traditionsbuch" und anderen Fälschungen

Ein Großteil geschichtlicher Überlieferungen basiert auf Sekundärmaterial. Originalunterlagen sind nur in wenigen Fällen vorhanden. Dies trifft auch auf das Kloster St. Ferrutius Bleidenstadt zu. Die (Original-) Kirchenchronik des Klosters gilt nach wie vor als verschwunden.

Anfang des 19. Jahrhunderts entschloss sich der Mainzer Professor und Stadtbibliothekar die Geschichte des Klosters St. Ferrutius Bleidenstadt etwas "aufzuarbeiten". Seine Veröffentlichung "Rheinische Altertümer" enthielt umfangreiche Materialien zum Kloster Bleidenstadt. Als Quelle nannte er ein "Bleidenstädter Traditionsbuch", einen "uralten Indiculus traditionum monasterii Blidenstatensis". 

Nach dem Tod Bodmann's gelangten die Unterlagen in die Verwahrung von Friedrich Gustav Habel. Beide verstanden es zu Lebzeiten immer wieder geschickt, sich dem Begehren von Forschern, das "Bleidenstädter Traditionshandbuch" offenzulegen, zu entziehen. Erst sein Neffe Ludwig Conrady war 1867 bereit, im Nachlass nach den Dokumenten zu suchen, konnte aber keine Originale der ,,Traditionen" des Benediktinerklosters Bleidenstadt finden. Dagegen fiel ihm ein druckfertiges Manuskript des Regierungsrates und Archivars Georg Friedrich Schott in die Hände, der mit dem Werk ,,Origines domus Rhingravicae" den Nachweis führte, dass sein Arbeitgeber, der Fürst von SaIm-Kryburg, ein Nachkomme der alten Rheingrafen, mit den Nassauern verwandt und somit von ;,ebenso hohem Adel" sei.

Schott hatte seiner genealogischen Darstellung eine ganze Reihe von urkundlichen Belegen beigefügt, die ,,Diplomata Rhingravica", und in diesen ,,Diplomata" fanden sich nun die so sehr gesuchten ,,Bleidenstädter Traditionen", die Bodmann in seinem Werk benutzt und teilweise veröffentlicht hatte. Zeitgleich stellt Bodmann dem Rheingauer Urkundensammler Klindlinger Unterlagen zur Verfügung, von denen dieser wiederum Abschriften fertigte und veröffentlichte.

In Historikerkreisen kam man zu dem Schluss, dass Schott die ,,Traditionen" gekannt und daraus Abschriften vorgenommen hatte, Bodmann jedoch die Originale besessen haben musste, die nun verschwunden waren. Dieses Verschwinden hinderte freilich Constantin Will nicht daran, die Inhalte der Klingerschen Abschriften mit anderen Quellen zur Bleidenstädter Geschichte in ,,Monumenta Blidenstatensia,, 1874 zu veröffentlichen und damit dafür zu sorgen, daß "diese Bleidenstädter Denkmäler in einem würdigen Gewande in die Öffentlichkeit" gebracht wurden. Unter den Quellen waren auch fünf Kaiserdiplome aus den Jahren 814 bis 1091, die Bleidenstadt betrafen und sich später als so wichtig erweisen sollten.

Eine nochmalige wissenschaftliche Aufwertung erfuhren die ,,Traditionen" durch die Aufnahme in das "Nassauische Urkundenbuch" von W. Sauer, der selbst „glaubte, eine ganz sichere Spur von ihrem (den Bleidenstädter Traditionen) einstigen Vorhandensein gefunden zu haben". Er fand auf eine Schottschen Abschrift einen (von Schott selbst stammenden) Beglaubigungsvermerk,, eines J. V. Fey, der 1738 bezeugte, dass er diese Urkunde aus einem im Kloster Gottesthal im Rheingau befindlichen Meßbuch der Abtei Bleidenstadt abgeschrieben habe und dass sie dort ,unter anderem' stände. 
,,Unter anderem", das waren für Sauer die Traditionen, eine alte Handschrift – das Meßbuch'. Und so verhalf er Schott und Fey ,,posthum" zu hohen wissenschaftlichen Ehren.  

Erst bei Arbeiten an dem ,,Monumenta Germanieae historica" mit einer Zusammenstellung der alten Urkunden der Kaiser kamen Dr. Hans Wirbel Bedenken. Als er die fünf Kaiserdiplome für Bleidenstadt aufnehmen wollte, die er allerdings nur in den Abschriften Schotts finden konnte. Da schon zuvor mehrere 'Schottsche Urkunden bedenkenlos aufgenommen worden waren", begann Wirbel alle Urkunden zu prüfen und musste feststellen, dass alle  Urkunden Fälschungen von Friedrich Georg Schott waren. Nachforschungen ergaben dann, dass Schott um seine genealogischen Forschungen zu schützen und seinem Arbeitgeber, dem Fürsten von Salm, als Nachkommen der alten Rheingrafen ein hohes Alter nachzuweisen, dazu notwendige Urkunden selbst ausgestellt hatte.

Virbels Erkenntnisse wurden 1921 von Gottfried Zedler gerade in Bezug auf die „Bleidenstädter Traditionen“ bestätigt, - sie waren Fälschungen und stammten aus der Feder Schotts.  

Als notwendige Konsequenz musste und muss nicht nur die nassauische Geschichte, soweit sie sich auf die ,,Bleidenstädter Traditionen" stützt, in diesen Teilen neu erforscht und geschrieben werden, auch die Taunussteiner Geschichte weist wieder viele dunkle Flecken auf, und bei der Verwendung von älterer Literatur wird man um eine ausgiebige Quellenkritik nicht umhinkommen, wenn man vermeiden will, dass die ,,gefälschten Bleidenstädter Traditionen" auch heute noch in Festschriften oder sonstigen Publikationen Verwendung finden. 

Als früheste urkundliche Erwähnung des Taunussteiner Stadtteiles Bleidenstadt gilt das Jahr 812, die Weihe der Klosterkirche. Dieser Termin ist in einem echten Dokument zweifelsfrei belegt. 

Aus diesen Gründen wird die Erstellung einer "Chronik von Bleidenstadt" sehr arbeitsintensiv und langwierig sein.
Deshalb vorab

Bleidenstadt's Geschichte in (vorab) Kurzform


  • Zeittafel von Bleidenstadt     


Die Geschichte des im oberen Aartal gelegenen, 812 erstmalig urkundlich genannten Ortes ist eng mit der des hier im späten 8. Jahrhundert gegründeten Klosters verbunden. Die Benediktiner-Abtei wurde gegen 780 als Mainzer Eigenkloster wahrscheinlich durch Erzbischof Lullus von Mainz gegründet, die zugehörige Kirche 812 durch Erzbischof Richulf geweiht. Die aus Mainz-Kastel hierher überführten Reliquien des hl. Ferrutius machten sie zu einem bekannten Wallfahrtsziel.

Das durchschnittlich mit zwölf Mönchen besetzte Kloster verfügte bald über ausgedehnte Besitzungen. Nach Auflösungserscheinungen im 9. und 10. Jahrhundert wurde die Abtei unter Erzbischof Willigis um 1000 praktisch neu gegründet, im 11. und 12. Jahrhundert gab es weitere Reformbestrebungen, 1258 wurde die Kirche erneut geweiht. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts übertrug das Kloster die Vogteirechte über sein Gebiet den Grafen von Nassau. Neben vielfachem Streubesitz umfasste das Klostergut die Ortschaften Breithardt, Seitzenhahn, Wehen, Hahn, Strinz, Michelbach, Orlen, Neuhof, Wingsbach, Born, Steckenroth, Reßfeld bei Adolfseck, Ober- und Niederlibbach, Heimbach und den Bleidenstädter Grund.

Durch einen Brand wurden 1389 große Teile des Klosters (nach Überlieferung Dormitorium, Kapitelhaus, Katharinenkapelle, Haus des Censuarius und Bücherei) und wahrscheinlich auch die schriftlichen Aufzeichnungen zerstört. 1495 wurde das Kloster aufgelöst und in ein weltliches Ritterstift umgewandelt, 1538 die Propstei aufgehoben. Nach der vollständigen Zerstörung der Stiftsgebäude 1632 und 1637 flohen die verbliebenen Insassen nach Mainz und vereinigten sich mit dem dortigen Albansstift. Stifts- und Wirtschaftsgebäude wurden nach dem 30jährigen Krieg in einfacherer Form wieder errichtet. Nach Aufhebung des Stiftes 1803 fielen Landbesitz und Gebäude an das Herzogtum Nassau. Bleidenstadt

Der Ortsname (1184 Blydenstatt, 1235 Blidinstad, 1253 Blidenstadt, 1258 Bleydebstat, 1263 Blindinstad, 1272 Blidenstadt, 1295 Bleydenstadt, 1470 Bleydenstadt, 1484 Beidenstat, 1486 Blidenstatt) ist nicht auf eine Stadtrechtsverleihung zurückzuführen; noch im 20. Jahrhundert schrieb sich der Ortsname Bleidenstatt. Ob zum Zeitpunkt der Klostergründung bereits eine Siedlung vorhanden war, ist nicht nachzuweisen. Möglicherweise bot das Kloster mit seiner im frühen Mittelalter bedeutenden Wallfahrt den Anreiz zu einer Ansiedlung. Eine Grenzbeschreibung von 812 nennt nur den Grenzverlauf ohne die im Gebiet liegenden Dörfer.

1276 werden zwei Kirchen erwähnt; für die Gemeinde war neben der den Mönchen vorbehaltenen Klosterkirche außerhalb des Ortes die Wehrkirche St. Peter entstanden. Sie diente ab 1530 den Protestanten als Gotteshaus, während der Kirchensatz bis 1705 beim katholischen Stift verblieb. Eine katholische Pfarrei wurde 1817 unter Herzog Wilhelm von Nassau wieder errichtet, die ehemalige Stiftskirche wurde nun Pfarrkirche. Eine adlige Familie (Gerhardus de Blidenstad) ist 1326 belegt.

Die erste Schule wurde um 1570 im Stift eingerichtet; sie bestand bis 1615. Die Einwohnerzahl lag um 1800 bei etwa 450, um 1900 unter 800. Heute ist Bleidenstadt mit über 7000 Bewohnern nach Idstein zahlenmäßig die zweitgrößte Einzelgemeinde des Kreises. Der Ortskern zeigt eine annähernd dreieckige Form, deren Nordwestecke vom ehemaligen Kloster eingenommen wird. Hier befand sich auch der Sitz der Gerichtsbarkeit, Gerichtsverhandlungen sollen hinter der Zehntscheuer auf der Gerichtswiese stattgefunden haben. Die jenseits der Aar vorkommende Flurbezeichnung Galgenwiese nimmt darauf Bezug.

Der 30jährige Krieg brachte die weitgehende Vernichtung von Kloster und Siedlung mit sich. Aus einem zeitgenössischen Bericht (Dekan E. F. Keller, 1637): "... (sind) alle noch übrig gebliebenen Häuser zu Bleidenstadt, derer vierzehn gewesen, abgebrannt, darunter schöne neue Bäue im Stifte, dass also nunmehr ganz Bleidenstadt bis auf das Pfarrhaus zerstört ist." Die heute noch vorhandene historische Bausubstanz des Ortskernes geht überwiegend auf das 18. und 19. Jahrhundert zurück. Besonders in der Aarstraße dürfte unter Putz noch barockes Fachwerk vorhanden sein, ohne im Straßenbild in Erscheinung zu treten. Im Südosten (Schulstraße) wurde im 19. Jahrhundert ein Schulgebäude errichtet, das später als Rathaus genutzt und modern erweitert wurde.

Um die Jahrhundertwende trug der Bahnanschluss zur Ortsentwicklung in Richtung Südwesten bei. Reste historischer Bausubstanz: Aarstraße 54, bei Renovierungsarbeiten war Fachwerk der westlichen Traufseite mit Reihung von Mannfiguren sichtbar, 18. Jahrhundert wieder überputzt. Aarstraße 48, ehem. Gasthaus Zur guten Quelle, traufständiges Fachwerkhaus des 18. Jh. am Eingang zum ehem. Kloster, abgebrochen. Die heutigen (teils verputzten) Backsteingebäude der ehemals zum Stift gehörigen Stiftsmühle im Aartal westlich des Ortes entstanden um 1930.

Wer war eigentlich der Namensgeber St. Ferrutius?

Der Legende nach war Ferruius ein römischer Soldat, der im 3. Jahrhundert geboren und im 4. Jahrhundert in Mainz (Rheinland-Pfalz) gestorben sein soll. Einer Grabinschrift in Mainz zufolge lebte Ferrutius dort als römischer Soldat zur Zeit des Kaisers Diokletian. Als Christ schwebte er ständig in Lebensgefahr. Dennoch konnte er zunächst für einige Zeit seinen Glauben unbehelligt ausüben, bis ihn ein Unbekannter bei den römischen Behörden anzeigte. Daraufhin wurde Ferrutius zum Tode verurteilt. Erzbischof  Lullus von Mainz übertrug die Gebeine des Märtyrers im 8. Jahrhundert in das von ihm gegründete Benediktinerkloster Bleidenstadt bei Wiesbaden. Später wurde auch die Klosterkirche nach Ferrutius benannt. Im dreißigjährigen Krieg wurden die Reliquien zurück nach Mainz gebracht, wo sie in der Französischen Revolution angeblich verloren gingen.

Ob sich allerdings diese Geschichte so ereignet hat, ist mehr als fraglich. Bis heute konnten keine historsich zuverlässigen Hinweise auf Soldatenmärtyrer im Rheinland oder gar im römischen Mainz gefunden werden. Wissenschaftler gehen heute verstärkt davon aus, dass der Mainzer Ferrutius-Kult durch den gleichnamigen Märtyrer aus Besancon (Frankreich) angeregt wurde. So erscheint es auch nur schwer nachvollziehbar zu sein, dass die Gebeine des Ferrutius in Kriegswirren einfach verschwunden sein sollen.